Unsere unbewussten Bindungsmuster

und wie es sich auf unser Beziehungs-Verhalten auswirkt.

Unser tägliches Miteinander hängt davon ab, wie der Einzelne so tickt. Ist er oder sie Optimistin oder Pessimistin, ist jemand introvertiert oder extrovertiert, Stier oder Waage, usw.
Spannenderweise gibt es ein tiefer liegenderes System in uns, welches uns eine grundlegende Ausrichtung in unserem Verhalten gibt und welches vor allem in Sachen Beziehungen greift. Es tritt besonders dann zu Tage, wenn wir unter Stress geraten. Es geht um unsere Bindungsmuster.

Egal mit wem wir regelmäßig Kontakt haben, wir gehen mit demjenigen eine Bindung ein. Verständlicherweise zieht es unser Nervensystem vor, wenn der Gegenüber uns hilfreich und wohlwollend gegenüber eingestellt ist. Was aber empfinden wir als wohlwollend oder hilfreich? Das hängt von unserem Bindungsmuster ab.

Es gibt grundlegend 3 Typen

Sie lauten: die sicher gebundenen, die unsicher gebundenen und die vermeidenden Typen. Selten findet man ein Typ in Reinform, sondern man hat einen Schwerpunkt und Anteile der anderen.

Ganz wichtig: Es ist nicht automatisch schlecht, wenn man sich bei unsicher oder vermeidend wieder findet! Wenn du aber weißt, welcher Typ du vorherrschend bist und welcher Typ dein Gegenüber ist, dann wird so manches klar und in Zukunft auch einfacher.

Ein Bindungsmuster ist auch nichts, zu dem wir uns bewusst entschieden haben oder nach dessen Spielart wir absichtlich handeln. Das Muster wird aktiviert, um Schmerz in Beziehungen zu vermeiden, nicht um vermeintlich schwierig zu sein. Es handelt sind um unbewusste Mechanismen, die dann aktiviert werden, wenn es ans Eingemachte geht. In oberflächlichen Begegnungen ist unsere Reaktionsbreite entscheidend größer.

Schauen wir uns die 3 Typen näher an:

Der sicher gebundene Mensch
Der sicher gebundene Mensch hat die größte und flexibelste Bandbreite an Handlungs- und Reaktionsmöglichkeiten im Miteinander. Sei es im privaten Bereich oder bei der Interaktion mit Chefs, Kollegen, Mitarbeitern oder Kunden. Wenn du sicher gebunden bist, findest du dich in diesen Beschreibungen wieder:

  • Du bist nicht gleich verletzt oder verunsichert, wenn dir jemand Kontra gibt oder dich kritisiert.
  • Du kannst für dich selber einstehen und deinem Gegenüber sagen, wo deine Grenzen sind.
  • Du nimmst nicht gleich alles persönlich, kannst z.B. Entschuldigungen annehmen und einen Strich unter eine Sache machen.
  • Du kannst deine Zukunft planen und deine Lebensziele privat wie beruflich formulieren.
  • Du willst, dass es läuft und unkompliziert ist. Hältst aber auch (zu) lange aus, da du denkst, das wird schon noch werden.
  • Die Grundeinstellung ist eher „es ist alles da und ich darf es haben“.

Der ängstliche Typ

    • Du brauchst viel Sicherheit. 
    • Wenn du alles unter Kontrolle hast und Bescheid weißt, geht es dir gut.
    • Du möchtest mit deinem Gegenüber in stetem Kontakt sein.
    • Du traust dich nicht direkt zu sagen, was du möchtest, brauchst oder fühlst, da du Angst vor Zurückweisung hast.
    • Du bist schneller eingeschnappt.
    • Du hast kein sehr gutes Selbstbild, glaubst eher nicht, dass etwas klappt.
    • Sobald sich jemand nicht meldet oder anders reagierst als du erwartest, läuft dein Kopfkino auf Hochtouren und du fängst an alles zu hinterfragen.
    • Du hast einen Hang zum Perfektionismus. Denn wenn du alles gut machst, bist du nicht angreifbar.
    • Du brauchst viel Nähe und fühlst dich schnell allein gelassen.
    • Für dich sind Beziehungen Arbeit, aber du tust gerne alles für den anderen.
    • Ich bin schuld.
    • Haben zwei ängstliche Typen eine Beziehung miteinander, klappt das wunderbar. Da wird sich morgens auf dem Weg zur Arbeit eine Nachricht aufgesprochen, Mittags kurz durchgegeben was gegessen wird, nachmittags geschrieben wann man später losfährt usw.

Der vermeidende Typ

  • Nähe und enge Beziehungen machen dich nervös, sind dir schnell zu viel.
  • Du ziehst dich zurück, vor allem wenn ein ängstlich gebundener mit dir in Beziehung treten möchte.
  • Du möchtest keine Abhängigkeiten, weder dass du abhängig bist noch dass jemand von dir abhängig ist.
  • Nähe und Abhängigkeit siehst du als Schwäche und vielleicht sogar als gefährlich an.
  • Du hast höchste Ansprüche. Am besten so hoch, dass keiner sie erfüllen kann, weder im privaten Bereich noch im beruflichen. Diese hohen Ansprüche geben dir das Recht, als erste und schnell die Reißleine zu ziehen.
  • Du bist unabhängig und machst was du möchtest.
  • Du legst dich nicht fest und willst nicht deine Zukunft planen. Zu sagen, dass du jemanden liebst oder heiraten möchtest oder Kinder planst ist nicht deins.
  • Du willst dich nicht messen oder bewerten lassen, weder in z.B. sportlichen Wettkämpfen noch von einem Chef.
  • Du wertest durchaus andere ab und setzt Spitzen, damit dein Gegenüber sich von alleine zurück zieht und du wieder deine Ruhe hast. Das meinst du nicht böse, es ist lediglich deine Strategie, um wieder Distanz zu schaffen.
  • Der andere ist schuld.
  • Sind zwei vermeidende Typen zusammen, wundern sich viele. Denn die beiden sind echt glücklich, obwohl sie vielleicht seit über 10 Jahren eine Fernbeziehung haben.

 

Schau, wie du und dein Partner ticken

Denn dann kannst du das Verhalten des anderen um Längen besser einordnen.
Du (ängstlich) musst vielleicht gar nicht erst sauer werden, weil der (vermeidende) sich plötzlich nicht mehr meldet. Oder du (vermeidend) musst nicht genervt sein, wenn der andere (ängstliche) dich mit Nachrichten bombardiert.
Anders herum: Du kannst bewusst den Bedürfnissen des anderen nachkommen, indem du ihn mal in Ruhe lässt. Oder eben doch noch eine Nachricht schickst.
Im Beruf kannst du mit Kunden/Chefs/Mitarbeiter/Kollegen viel besser umgehen, wenn du weißt, was sie in der Kommunikation brauchen.

Coole Kiste, oder?

Wer es stärker aufgefächert haben möchte, kann bei einem der bekanntesten Bindungsforschern John Bowlby (1907-1990) weitere Untertypen nachlesen.

Angela Hess

KIDS + TEENS COACH
mindTV Proven Professional

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